Vorderseite der E-GK

Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der E‑GK? Wohl nein…

Vor kur­zem hat­te ich dar­über geschrie­ben, dass ihr ab 01. Janu­ar 2014 für eine Behand­lung und Abrech­nung über die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung eine neue elek­tro­ni­sche Gesund­heits­kar­te (E‑GK) wer­det vor­le­gen müs­sen. Über die alte Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te kann der behan­deln­de Arzt dann nicht mehr abrech­nen, mit der Fol­ge, dass ihr ggf. die Pri­vatta­ri­fe bezah­len müss­tet. Mehr Infor­ma­tio­nen hier. So lang­sam wer­den auch die obli­ga­to­ri­schen Eil­ver­fah­ren gegen die neue Tech­nik entschieden.

Vorderseite der E-GK
Rückseite der E-GK mit der europäischen Krankenversicherungskarte
Quel­le: de​.Wiki​pe​dia​.org

So hat­te das Sozi­al­ge­richt (SG) Ber­lin kürz­lich über die Recht­mä­ßig­keit der E‑GK zu ent­schei­den. Ein Mann, der in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ver­si­chert ist und des­sen Ver­si­che­rungs­kar­te im Sep­tem­ber 2013 abge­lau­fen ist hat­te bean­tragt sei­ne Kran­ken­kas­se im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes dazu zu ver­pflich­ten ihm eine nor­ma­le Ver­si­che­rungs­kar­te, bzw. einen all­ge­mei­nen Berech­ti­gungs­schein aus­zu­stel­len. Vor­her hat­te er ver­geb­lich ent­spre­chen­de Anträ­ge bei sei­ner Ver­si­che­rung gestellt, die auf Aus­stel­lung einer E‑GK beharr­te. Er hält die Rege­lun­gen zur E‑GK für ver­fas­sungs­wid­rig, da in sein Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein­ge­grif­fen werde.

Das SG Ber­lin wies den Antrag, der im einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren gestellt wur­de, zurück:

[…] Der Antrag­stel­ler hat kei­nen Anspruch auf Aus­stel­lung eines ander­wei­ti­gen Ver­si­che­rungs- bzw. Mit­glied­nach­wei­ses. Er kann nicht von der Nut­zung der eGK befreit wer­den. Eine der­ar­ti­ge Befrei­ung ergibt sich weder aus ein­fa­chem Gesetz noch aus Ver­fas­sungs­recht. aa. § 15 Abs. 2 SGB V bestimmt, dass Ver­si­cher­te, die ärzt­li­che oder zahn­ärzt­li­che Behand­lung in Anspruch neh­men möch­ten, dem Arzt (Zahn­arzt) vor Beginn der Behand­lung ihre Kran­ken­ver­si­cher­ten­kar­te zum Nach­weis der Berech­ti­gung zur Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen aus­hän­di­gen. Mit der Rege­lung des § 15 Abs. 2 SGB V wird die Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen, für die die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung zustän­dig ist, erleich­tert, da der Ver­si­cher­te Leis­tun­gen erlan­gen kann, ohne in jedem Ein­zel­fall vor­ab einen Antrag auf Bewil­li­gung von Kran­ken­ver­si­che­rungs­leis­tun­gen stel­len zu müs­sen und die Bewil­li­gung durch die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung abwar­ten zu müs­sen. Um die­ses Ziel ver­wirk­li­chen zu kön­nen, bedurf­te es bis­her der Aus­ga­be der Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te, wel­che die in § 291 Abs. 2 SGB V genann­ten Daten ent­hal­ten muss­te. Die bis­her gül­ti­ge Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te ent­hält gemäß § 291 Abs. 2 SGB V neben der Unter­schrift und – soweit schon aus­ge­stellt – einem Licht­bild des Ver­si­cher­ten: 1. die Bezeich­nung der aus­stel­len­den Kran­ken­kas­se, ein­schließ­lich eines Kenn­zei­chens für die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung, in deren Bezirk das Mit­glied sei­nen Wohn­sitz hat, 2. den Fami­li­en­na­men und Vor­na­men des Ver­si­cher­ten, 3. das Geburts­da­tum, 4. das Geschlecht, 5. die Anschrift, 6. die Kran­ken­ver­si­cher­ten­num­mer, 7. den Ver­si­cher­ten­sta­tus, 8. den Zuzah­lungs­sta­tus, 9. den Tag des Beginns des Ver­si­che­rungs­schut­zes und 10. bei befris­te­ter Gül­tig­keit der Kar­te das Datum des Frist­ab­laufs. Gemäß § 291 Abs. 2a sowie § 291a Abs. 1 SGB V wird die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te zur eGK erwei­tert. Gemäß § 291 a Abs. 2 Satz 1 SGB V hat die eGK – wie die bis­he­ri­ge Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te – die Anga­ben nach § 291 Abs. 2 SGB V zu ent­hal­ten zu ent­hal­ten. Aus der For­mu­lie­rung „hat zu ent­hal­ten“ ergibt sich, dass es sich um Infor­ma­tio­nen han­delt, die für die eGK benö­tigt wer­den und die vom Klä­ger anzu­ge­ben sind (Licht­bild, Unter­schrift des Klä­gers und die in § 291 Abs. 2 SGB V Nr. 1 bis 10 genann­ten Infor­ma­tio­nen). Bei der Erwei­te­rung der Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te zur eGK ändert sich nichts an dem Umfang der Daten, die zwin­gend auf der eGK ent­hal­ten sein müs­sen (vgl. auch SG Düs­sel­dorf, Urteil vom 28. Juni 2012 – 9 KR 111/09 –, juris). Die eGK tritt recht­lich und funk­tio­nell an die Stel­le der Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te. bb. Der Antrag­stel­ler ist nach § 15 Abs. 2 SGB V ver­pflich­tet, zum Nach­weis sei­nes Ver­si­che­rungs­schut­zes bis zum 31. Dezem­ber 2013 die Kran­ken­ver­si­che­rungs­kar­te und ab 1. Janu­ar 2014 die eGK zu nut­zen. Eine Befrei­ungs­mög­lich­keit sieht § 15 Abs. 2 SGB V nicht vor. Mit der Nut­zungs­pflicht kor­re­spon­diert ein Ver­wei­ge­rungs­recht der Antrags­geg­ne­rin, dem Antrag­stel­ler einen ande­ren Berech­ti­gungs­nach­weis aus­zu­stel­len. Die in § 15 Abs. 2 SGB V sta­tu­ier­te Nut­zungs­pflicht beschränkt zwar die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit des Antrag­stel­lers. Die­se Beschrän­kung ist jedoch gerecht­fer­tigt durch das Inter­es­se der Soli­dar­ge­mein­schaft (§ 1 SGB V) an einer ein­heit­li­chen und effek­ti­ven Zusam­men­ar­beit von Ver­si­cher­tem, Kran­ken­kas­se und Leis­tungs­er­brin­gern und einer wirt­schaft­li­chen Abrech­nung der Behand­lungs­kos­ten. Gemäß § 15 Abs. 3 SGB V ist ledig­lich für die Inan­spruch­nah­me ande­rer Leis­tun­gen (als den in Abs. 2 genann­ten Behand­lun­gen bei Ärz­ten und Zahn­ärz­ten) vor­ge­se­hen, dass die Kran­ken­kas­se den Ver­si­cher­ten Berech­ti­gungs­schei­ne aus­stellt, soweit es zweck­mä­ßig ist. […] Die Anfor­de­rung die­ser Daten zur Erstel­lung der eGK ist recht­mä­ßig, sie dient einem nach­voll­zieh­ba­ren Zweck und einem über­wie­gen­den Inter­es­se. aa. Die Prü­fung der Per­so­nal­da­ten dient der Iden­ti­fi­zie­rung, der unver­zö­ger­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Ver­si­cher­ten und der Iden­ti­täts­kon­trol­le. Die Über­mitt­lung eines Licht­bil­des des Ver­si­cher­ten ist not­wen­dig, um die­ses auf der Kar­te dar­zu­stel­len. Nur dies ermög­licht in Ver­bin­dung mit den Per­so­nal­da­ten und der Unter­schrift des Ver­si­cher­ten eine ein­deu­ti­ge Zuord­nung der Kran­ken­ver­si­cher­ten­kar­te zum jewei­li­gen Kar­ten­in­ha­ber und ver­hin­dert Miss­brauch zulas­ten der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft (so auch die Geset­zes­be­grün­dung, vgl. BT-Drs 15/1525, S. 143). Nur bei Ver­si­cher­ten, deren Mit­wir­kung bei der Erstel­lung des Licht­bil­des nicht mög­lich ist, sieht das Gesetz eine Ver­si­cher­ten­kar­te ohne Licht­bild vor (vgl. § 290 Abs. 2 Satz 1, letz­ter Halb­satz SGB V). Anhalts­punk­te für eine feh­len­de Mit­wir­kungs­mög­lich­keit des Antrag­stel­lers lie­gen nicht vor. Der Ver­si­cher­te hat es in der Hand, die Kar­te mit sei­nem Bild nur gegen­über Berech­tig­ten (z.B. Ärz­ten, Zahn­ärz­ten, Apo­the­kern) zu ver­wen­den. Der Ver­wen­dung des auf der Kar­te dar­ge­stell­ten Bil­des gegen­über den Berech­tig­ten steht das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung nicht ent­ge­gen. Denn das Licht­bild ist nicht in elek­tro­ni­scher Form auf der eGK gespei­chert, son­dern zur visu­el­len Iden­ti­fi­zie­rung auf­ge­druckt. Aus die­sem Grund bestehen auch kei­ne Beden­ken gegen die Dar­stel­lung der Unter­schrift des Ver­si­cher­ten auf der Kar­te. bb. Das Recht des Antrag­stel­lers auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ist dadurch nicht ver­letzt. Die vom Ver­si­cher­ten nach § 291 Abs. 2 und § 291a Abs. 2 SGB V zwin­gend zu geben­den Infor­ma­tio­nen sind Sozi­al­da­ten, die dem Schutz des Sozi­al­ge­heim­nis­ses (vgl. hier­zu § 35 Abs. 1 SGB I, § 67 SGB X) und dem Grund­recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung gemäß Art. 2 Abs. 1 GG iVm. Art. 1 Abs. 1 GG unter­lie­gen. Das Grund­recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung stellt dar­auf ab, dass sich aus dem Gedan­ken der Selbst­be­stim­mung die Befug­nis des Ein­zel­nen ablei­tet, grund­sätz­lich selbst zu bestim­men, wann und inner­halb wel­cher Gren­zen per­sön­li­che Lebens­sach­ver­hal­te offen­bart wer­den. Denn wer nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit über­schau­en kann, wel­che ihn betref­fen­den Infor­ma­tio­nen in bestimm­ten Berei­chen sei­ner Umwelt bekannt sind, und wer das Wis­sen mög­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner nicht eini­ger­ma­ßen abzu­schät­zen ver­mag, kann in sei­ner Frei­heit wesent­lich gehemmt wer­den, aus eige­ner Selbst­be­stim­mung zu pla­nen und zu ent­schei­den (vgl. Urteil des BVerfG vom 15. Dezem­ber 1983BVerfGE 65, 1, 42 – Volks­zäh­lungs­ur­teil). Das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung gewähr­leis­tet die Befug­nis des Ein­zel­nen, grund­sätz­lich selbst über die Preis­ga­be und Ver­wen­dung sei­ner per­sön­li­chen Daten zu bestim­men (vgl. Urteil des BVerfG vom 15. Dezem­ber 1983 , a.a.O., und Beschluss vom 11. Juni 1991BVerfGE 84, 192, 194). Der mit der Dar­stel­lung des Licht­bil­des, der Unter­schrift und den Anga­ben nach § 291 Abs. 2 Nr. 1 bis 10 SGB V ver­bun­de­ne Ein­griff in das Recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ist gerecht­fer­tigt. Der Klä­ger muss die damit ver­bun­de­nen Ein­schrän­kun­gen sei­nes infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mungs­rechts hin­neh­men. Denn jeder Ein­zel­ne muss – als eine sich inner­halb der sozia­len Gemein­schaft ent­fal­ten­de, auf Kom­mu­ni­ka­ti­on ange­wie­se­ne Per­sön­lich­keit – Ein­schrän­kun­gen bei über­wie­gen­dem All­ge­mein­in­ter­es­se hin­neh­men (vgl. hier­zu Nicht­an­nah­me­be­schluss des BVerfG vom 13. Febru­ar 2006 – 1 BvR 1184/04 – juris, dort Rn. 65, zur Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Gesetz zur Ein­fü­gung der elek­tro­ni­schen Gesundheitskarte). […]
Sozi­al­ge­richt Ber­lin, Beschluss vom 7. Novem­ber 2013, Az.: 81 KR 2176/13 ER

Das Sozi­al­ge­richt hat zwar die Eil­be­dürf­tig­keit für den Klä­ger bejaht, aller­dings ist das SG Ber­lin der Ansicht, dass der Antrag­stel­ler kei­nen Anspruch auf Aus­stel­lung einer her­kömm­li­chen Ver­si­che­rungs­kar­te hat. Die neue E‑GK hat vor­erst nur die­sel­ben Infor­ma­tio­nen wie die alte Ver­si­che­rungs­kar­te auch. Hin­zu kommt ledig­lich ein Foto, die­se zusätz­li­che Beschrän­kung der Rech­te des Antrag­stel­lers hält das SG Ber­lin vor dem Hin­ter­grund der Finan­zie­rung des Gesund­heits­we­sens und der Not­wen­dig­keit der Mög­lich­keit sich aus­zu­wei­sen, für gerecht­fer­tigt. Die wei­te­ren zukünf­ti­gen Zusatz­funk­tio­nen der Kar­te sind zum einen noch Zukunft und damit zumin­dest der­zeit nicht jus­ti­zia­bel und zum ande­ren sind die­se auf Frei­wil­lig­keit ange­legt, d. h. der Antrag­stel­ler kann ohne­hin nicht zu den wei­te­ren Funk­tio­nen der E‑GK gezwun­gen werden.

Gegen die Ent­schei­dung gibt es das Rechts­mit­tel der Beschwer­de zum Lan­des­so­zi­al­ge­richt Berlin-Brandenburg.

Was ist eine einst­wei­li­ge Anordnung?

Eine einst­wei­li­ge Anord­nung dient dem schnel­len Rechts­schutz­be­dürf­nis in Eil­fäl­len, wenn eine lan­ge War­te­zeit für eine Ent­schei­dung im Urteils­ver­fah­ren nicht zumut­bar ist. Aller­dings darf die Haupt­sa­che­ent­schei­dung nicht vor­weg­ge­nom­men wer­den, dafür kann eine sol­che Ent­schei­dung im bes­ten Fal­le inner­halb weni­ger Tage erge­hen. Daher kann eine einst­wei­li­ge Anord­nung nur erge­hen, wenn zwei Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen. Zunächst muss der Anrags­stel­ler einen Anord­nungs­an­spruch haben ein Anord­nungs­an­spruch liegt dann vor, wenn der Antrag­stel­ler glaub­haft machen kann, dass ihm das gel­tend gemach­te Recht mit einer über­wie­gen­den Wahr­schein­lich­keit auch zusteht, also ein Obsie­gen in der Haupt­sa­che wesent­lich wahr­schein­li­cher ist als ein Unter­lie­gen in der Haupt­sa­che. Dane­ben muss es für die­se Ver­fah­ren­art aber auch einen Anord­nungs­grund geben, die­ser liegt dann vor, wenn die Sache eil­be­dürf­tig ist. Dem Antrag­stel­ler müss­te daher die Durch­set­zung sei­ner Rech­te ver­eil­telt oder zumin­dest wesent­lich erschwert wer­den, wenn er auf den her­kömm­li­chen Kla­ge­weg ver­wie­sen wür­de. Die Ent­schei­dung, die dann ergeht regelt den Streit­ge­gen­stand dann nur vor­läu­fig, um den Anspruch zu sichern (Siche­rungs­an­ord­nung) oder die Sache zu regeln, um schwer­wie­gen­de Nach­tei­le abzu­weh­ren (Rege­lungs­an­ord­nung). In der Haupt­sa­che muss dann Kla­ge erho­ben wer­den, wenn dies nicht ohne­hin schon erfolgt ist.

Das Gericht ist in der Haupt­sa­che aber selbst­ver­ständ­lich nicht ver­pflich­tet, die Ent­schei­dung auf­recht zu erhal­ten, son­dern könn­te auch für den Antrag­stel­ler entscheiden.

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