LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 09.07.2021 – L 17 SB 129/19

In dem Rechtsstreit

[…]

hat der 17. Senat des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len in Essen am 09.07.2021 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­so­zi­al­ge­richt Dr. […], den Rich­ter am Lan­des­so­zi­al­ge­richt Dr. […] und die Rich­te­rin am Lan­des­so­zi­al­ge­richt […] für Recht erkannt:

Die Beru­fung des Beklag­ten gegen das Urteil des Sozi­al­ge­richts Aachen vom 26.02.2019 wird zurückgewiesen.

Der Beklag­te hat der Klä­ge­rin auch die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten des Beru­fungs­ver­fah­rens zu erstatten.

Die Revi­si­on wird nicht zugelassen.

Grün­de:

I.

Die Betei­lig­ten strei­ten über die Höhe des bei der Klä­ge­rin vor­lie­gen­den Gra­des der Behinderung.

Am […].2017 bean­trag­te die am […].2012 gebo­re­ne Klä­ge­rin durch ihre Eltern die Fest­stel­lung eines Gra­des der Behin­de­rung und des Vor­lie­gens der gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Merk­zei­chen B (Berech­ti­gung für eine stän­di­ge Beglei­tung) und H (Hilf­lo­sig­keit) für die Zeit ab dem […].2016.

Der Beklag­te hol­te Arzt- und Befund­be­rich­te des behan­deln­den Augen­arz­tes Dr. […] sowie der Kli­nik für Kin­der- und Jugend­me­di­zin der […] gGmbH ein und wer­te­te die­se zusam­men mit einer elter­li­chen Stel­lung­nah­me und einem über­sand­ten Blut­zu­cker­ta­ge­buch für die Zeit bis zum 11.01.2017 durch sei­nen ärzt­li­chen Dienst aus. Die­ser kam zu der Ein­schät­zung, der bei der Klä­ge­rin vor­lie­gen­den Dia­be­tes Typ 1 (ED […].2016) bedin­ge einen Grad der Behin­de­rung (GdB) von 40. Hier­bei wur­de die bestehen­de Insu­lin­pum­pen­the­ra­pie seit Dezem­ber 2016 unter Ver­wen­dung eines Flashglu­ko­se­sys­tems Free Style Libre mit durch­schnitt­lich 19 Scans und drei manu­el­len Mes­sun­gen berück­sich­tigt. Das Merk­zei­chen H kom­me in Betracht, nicht aber das Merk­zei­chen B.

Mit Bescheid vom […].2017 stell­te der Beklag­te bei der Klä­ge­rin einen GdB von 40 sowie das Vor­lie­gen von Hilf­lo­sig­keit fest.

Hier­ge­gen leg­ten die Eltern der Klä­ge­rin am […].2017 Wider­spruch ein, der mit Wider­spruchs­be­scheid vom […].2017 als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen wurde.

Am 15.09.2017 ist beim Sozi­al­ge­richt (SG) Aachen ein Schrei­ben des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin ein­ge­gan­gen, in dem erneut die Kla­ge­schrift über­sandt wor­den ist, nach­dem ein Ein­gang der per EGVP am 06.09.2017 über­mit­tel­ten Kla­ge­schrift bei Gericht nicht fest­ge­stellt wer­den konn­te. Nach Hin­weis der Kam­mer­vor­sit­zen­den, dass der­zeit davon aus­zu­ge­hen sei, dass die Kla­ge ver­fris­tet sei, hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin Sen­de­be­rich­te vor­ge­legt. In der Sache hat die Klä­ge­rin vor­ge­tra­gen, dass bei ihr erheb­lich grö­ße­re Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gun­gen bestün­den, als dies vom Beklag­ten berück­sich­tigt wor­den sei.

Die Klä­ge­rin hat beantragt,

den Bescheid vom […].2017 in der Gestalt des Wider­spruchs­be­schei­des vom […].2017 auf­zu­he­ben und den Beklag­ten zu ver­ur­tei­len, einen GdB von ·min­des­tens 50 sowie das Vor­lie­gen der gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Inan­spruch­nah­me des Merk­zei­chens H ab dem […].2016 festzustellen.

Der Beklag­te hat beantragt,

die Kla­ge abzuweisen.

Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass nicht ersicht­lich sei, aus wel­chem Grund bei der Klä­ge­rin der mit der Behand­lung der Grund­krank­heit ver­bun­de­ne Auf­wand, den übli­cher­wei­se mit einem kind­li­chen Dia­be­tes mel­li­tus ver­bun­de­nen Auf­wand in GdB-rele­van­tem Aus­maß über­stei­gen sol­le. Eine Son­der­be­wer­tung für den Dia­bes­tes mel­li­tus im Vor­schul­al­ter sähen die gesetz­li­chen Vor­ga­ben nicht vor.

Das Gericht hat jeweils einen Befund­be­richt vom Arzt für Kin­der- und Jugend­me­di­zin und Dia­be­to­lo­gie PD Dr. […] vom 04.12.2017, vom Arzt für Kin­der- und Jugend­me­di­zin […] vom 08.12.2017 und vom Augen­arzt Dr. […] vom 14.12.2017 ein­ge­holt. Im Anschluss hat das Gericht ein Gut­ach­ten des Kin­der- und Jugend­me­di­zi­ners Dr. […] vom 05.04.2018 ein­ge­holt. Die­ser ist in sei­nem Gut­ach­ten und sei­ner ergän­zen­den Stel­lung­nah­me vom 31.05.2018 zu der Ein­schät­zung gelangt, dass bei der Klä­ge­rin ein GdB von 50 vor­lie­ge. Es bestün­den bei die­ser gra­vie­ren­de Ein­schnit­te in der Teil­ha­be. Aus kin­der­ärzt­li­cher Sicht sei­en die Ein­schnit­te in die Lebens­füh­rung und Teil­ha­be auch durch die stän­di­ge Über­wa­chung durch das Sen­sor­ge­rät, ver­bun­den mit der sowohl tags­über als auch nächt­li­chen stän­di­gen Alarm­be­reit­schaft, als gra­vie­rend anzu­se­hen. Es sei durch das Blut­zu­cker­ta­ge­buch der Klä­ge­rin auch nach­ge­wie­sen, dass bei der Klä­ge­rin bereits lebens­be­droh­li­che Hypo­gly­kämien auf­ge­tre­ten seien.

Mit Urteil vom 26.02.2019 hat das Sozi­al­ge­richt den Beklag­ten ver­ur­teilt, bei der Klä­ge­rin den GdB ab dem […].2016 mit 50 zu bewer­ten und das Vor­lie­gen der gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Merk­zei­chen H festzustellen.

Die Kla­ge sei zuläs­sig, weil der Klä­ge­rin Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren gewe­sen sei. Sie habe auf­grund der ihr vor­lie­gen­den Sen­de­do­ku­men­te davon aus­ge­hen dür­fen und müs­sen, dass die Kla­ge auf einem dem Sozi­al­ge­richt Aachen zuge­wie­se­nen Ser­ver frist­ge­recht ein­ge­gan­gen sei. Die Kla­ge sei auch begrün­det, weil die bei der Klä­ge­rin vor­lie­gen­den gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen die Fest­stel­lung eines GdB von 50 recht­fer­tig­ten. Die Klä­ge­rin lei­de im Wesent­li­chen unter einem insu­lin­pflich­ti­gen Typ-1-Dia­be­tes, der mit einem GdB von 50 zu bewer­ten sei. Für die Bewer­tung eines insu­lin­pflich­ti­gen GdB mit einem GdB von 50 müss­ten drei Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en erfüllt sein. Es müss­ten (1.) täg­lich min­des­tens vier Insu­linin­jek­tio­nen durch­ge­führt wer­den. Es müs­se dar­über hin­aus (2.) eine selb­stän­di­ge Vari­ie­rung der Insu­lin­do­sis in Abhän­gig­keit vom aktu­el­len Blut­zu­cker, der fol­gen­den Mahl­zeit und der kör­per­li­chen Belas­tung erfol­gen sowie (3.) eine gra­vie­ren­de Beein­träch­ti­gung in der Lebens­füh­rung durch erheb­li­che Ein­schnit­te vor­lie­gen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) sei zu berück­sich­ti­gen, dass die­se drei Kri­te­ri­en in einer Gesamt­schau die sach­ge­rech­te Beur­tei­lung des Gesamt­zu­stands erleich­tern soll­ten (Hin­weis auf BSG, Urteil vom 16.12.20149 SB 2/13 R-, juris Rn. 16). Die­se Kri­te­ri­en sei­en erfüllt. Es ste­he zur Über­zeu­gung der Kam­mer auf­grund der glaub­haf­ten Anga­ben der Mut­ter der Klä­ge­rin im Ver­fah­ren sowie den von den Eltern der Klä­ge­rin im Ver­wal­tungs- und Gerichts­ver­fah­ren ein­ge­reich­ten Blut­zu­cker­ta­ge­bü­chern fest, dass die Klä­ge­rin, bezie­hungs­wei­se ihre Eltern, regel­mä­ßig vier Mal am Tag den Blut­zu­cker­spie­gel mes­se und in Abhän­gig­keit von den hier­bei ermit­tel­ten Wer­ten Insu­lin gespritzt wer­de. Es ste­he zur Über­zeu­gung der Kam­mer auch fest, dass bei der Klä­ge­rin durch die Erkran­kung auch unter Berück­sich­ti­gung der vom BSG gefor­der­ten stren­gen Vor­aus­set­zun­gen die für die Annah­me eines GdB von 50 erfor­der­li­chen, erheb­li­chen Ein­schnit­te mit gra­vie­ren­den Beein­träch­ti­gun­gen der Lebens­füh­rung gege­ben sei­en. Zwar sei­en die mit der vor­aus­ge­setz­ten Insu­lin­the­ra­pie zwangs­läu­fig ver­bun­de­nen Ein­schnit­te grund­sätz­lich nicht geeig­net, eine zusätz­li­che („und“) gra­vie­ren­de Beein­träch­ti­gung der Lebens­füh­rung her­vor­zu­ru­fen. Im vor­lie­gen­den Fall sei­en sie nach Auf­fas­sung der Kam­mer gleich­wohl zu beja­hen. Zum einen sei­en inso­fern die vor­han­de­nen Arzt­be­rich­te und die Fest­stel­lun­gen des Gut­ach­ters Dr. […] zu berück­sich­ti­gen. In den vor­lie­gen­den Aus­dru­cken aus dem Blut­zu­cker­ta­ge­buch zeig­ten sich bis hin zu deut­li­chen Hypo­gly­kämien mit Blut­zu­cker­wer­ten von 39 mg/dl und 41 mg/dl an ein­zel­nen Tagen, an ande­ren zwi­schen 40 mg/dl und 50 mg/dl. Hier­bei han­de­le es sich um Wer­te, die zwei­fel­los in den hypo­gly­kämischen Bereich zu rech­nen sei­en. Bis­lang hät­ten aller­dings ins­be­son­de­re dank der Auf­merk­sam­keit der Eltern der Klä­ge­rin durch Inter­ven­tio­nen wie durch Gabe von (flüs­si­gem) Trau­ben­zu­cker oder sons­ti­ge Maß­nah­men wesent­li­che Aus­wir­kun­gen der Unter­zu­cke­rung ver­mie­den wer­den kön­nen. Auch wenn bis­lang noch kei­ne akut not­wen­di­gen Arzt­be­su­che, Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te wegen eines hypo­gly­kämischen Schocks objek­ti­viert sei­en, han­de­le es sich bei die­sem Aspekt nach Auf­fas­sung der Kam­mer nur um einen Teil­aspekt, der bei der Fra­ge nach dem Vor­lie­gen gra­vie­ren­der Ein­schrän­kun­gen zu beach­ten sei. Ein ande­rer Aspekt sei, dass die kon­kre­te Ein­stel­lung des Dia­be­tes bei der Klä­ge­rin mit erheb­li­chen – über das nor­ma­le Maß eines Erwach­se­nen hin­aus­ge­hen­den – Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den sei. Dabei ver­ken­ne die Kam­mer nicht, dass bei der Bewer­tung des GdB bei Kin­dern grund­sätz­lich kein ande­rer Maß­stab gel­te als bei Erwach­se­nen. Die Tat­sa­che, dass sich bestimm­te Beein­träch­ti­gun­gen bei Kin­dern aber schon fak­tisch anders dar­stell­ten, müs­se gleich­wohl bei der Fra­ge nach der kon­kre­ten Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung gestellt wer­den. Denn die kon­kre­te Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung bestim­me letzt­lich die Höhe des GdB.

Die Kam­mer ver­ken­ne auch nicht, dass das von der Klä­ge­rin ver­wen­de­te Flash Glu­ko­se Moni­to­ring Sys­tem Free Style Libre durch­aus mit Vor­tei­len für den Pati­en­ten ver­bun­den sei. Es sei aber nach Auf­fas­sung der Kam­mer durch­aus zu berück­sich­ti­gen, dass die der Klä­ge­rin zur Ver­fü­gung ste­hen­den Hilfs­mit­tel eben nicht für den Gebrauch bei Kin­dern spe­zi­ell kon­zi­piert wor­den sei­en, was schon im Hin­blick auf die Grö­ße und Hand­lich­keit stär­ke­re Nach­tei­le für die sechs­jäh­ri­ge Klä­ge­rin habe. Dass hier schon im Hin­blick auf Kör­per­grö­ße und ‑gewicht Unter­schie­de zu erwach­se­nen Trä­gern ent­spre­chen­der Dia­be­tes-Hilfs­mit­tel bestün­den, sei evi­dent. Dar­über hin­aus sei zu berück­sich­ti­gen, dass der täg­li­che bzw. zwei­täg­li­che Wech­sel des Kathe­ters und der alle sie­ben Tage erfor­der­li­che Wech­sel des Sen­sors im Hin­blick auf Alter und Gewicht der Klä­ge­rin belas­ten­der ist, als dies für einen erwach­se­nen oder auch jugend­li­chen Pati­en­ten wäre.

Trotz der inten­si­ven Bemü­hun­gen der Eltern sei­en auf­grund des Alters und des Tätig­keits­pro­fils der Klä­ge­rin über­dies auch wei­ter­hin recht stark schwan­ken­de Blut­zu­cker­wer­te mit den damit ein­her­ge­hen­den soma­ti­schen und psy­chi­schen Fol­gen für die Klä­ge­rin fest­zu­stel­len. Mit der Dau­er der Erkran­kung und dem zuneh­men­den Ent­wick­lungs­grad der Pati­en­tin stei­ge die Fähig­keit, Ent­wick­lun­gen des Blut­zu­ckers zu spü­ren und hier­auf adäquat zu reagie­ren. Der Sach­ver­stän­di­ge Dr. […] habe fest­ge­stellt, dass die Klä­ge­rin zwar durch­aus in der Lage ist, eine Hypo­gly­kämie-Ent­wick­lung zu spü­ren. Sie kön­ne aber ohne Hil­fe dar­auf nicht adäquat reagie­ren und über­dies fän­den sich gleich­wohl häu­fi­ger die bereits oben erwähn­ten Unter­zu­cke­run­gen. Gera­de die­se bestehen­den Schwie­rig­kei­ten in der Fein­jus­tie­rung – trotz umfas­sen­der Auf­sicht – sei­en zu berück­sich­ti­gen. Ein Teil die­ser benann­ten umfas­sen­den Auf­sicht sei auch die Tat­sa­che, dass die Klä­ge­rin auch nachts regel­mä­ßig blu­tig den Blut­zu­cker gemes­sen bekom­me. Auch dies sei nach Auf­fas­sung der Kam­mer ein Aspekt, der als gra­vie­rend zu bezeich­nen ist. Zwar ver­ken­ne die Kam­mer auch hier nicht, dass häu­fi­ge Mes­sun­gen, die der Vor­sicht um die Gesünd­heit geschul­det sei­en und medi­zi­nisch nicht not­wen­dig sei­en, als irrele­vant für die Bewer­tung des GdB ange­se­hen wer­den (LSG NRW Urteil vom 09.06.201721 SB 400/15 = juris Rn. 28 unter Hin­weis auf LSG Ber­lin-Bran­den­burg Urteil vom 23.11.2016 – L 13SBi12/14 = juris Rn. 17). Die Kam­mer gehe aber nach dem Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen davon aus, dass sich im vor­lie­gen­den Fall im Hin­blick auf die sich als schwie­rig erwei­sen­de Ein­stel­lung und das kind­li­che Alter der Klä­ge­rin eine ent­spre­chen­de Not­wen­dig­keit erge­be. Die Klä­ge­rin wer­de bei den spät­abend­li­chen oder nächt­li­chen Mes­sun­gen und den ggf. erfor­der­li­chen Nah­rungs­ga­ben aus dem Schlaf geris­sen, was auch unter Berück­sich­ti­gung der lat­sa­che, dass die Klä­ge­rin nun­mehr die Grund­schu­le besu­che, durch­aus eine star­ke Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung dar­stel­le. In einer Gesamt­ab­wä­gung kom­me die Kam­mer zu der Ein­schät­zung, dass vor­lie­gend auch das – restrik­tiv aus­zu­le­gen­de – Tat­be­stands­merk­ma­le einer erheb­li­chen Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung durch gra­vie­ren­de Ein­schnit­te bei der Klä­ge­rin der­zeit vor­lä­ge. Wie sich die Erkran­kung in der Fol­ge­zeit ent­wi­ckeln wür­de, sei der­zeit für kei­nen der Betei­lig­ten – und auch nicht das Gericht – abzuschätzen.

Gegen das ihr am 11 .03.2019 zuge­stell­te Urteil rich­tet sich die vom Beklag­ten am 02.04.2019 ein­ge­leg­te Beru­fung. Zu deren Begrün­dung ver­weist er auf sein bis­he­ri­ges Vor­brin­gen im Kla­ge­ver­fah­ren und trägt ergän­zend u. a. vor, dass aus medi­zi­ni­scher Sicht kei­ne aus­rei­chend doku­men­tier­te Grund­la­ge für einen GdB von 50 vor­lie­ge. So sei vom Gut­ach­ter auch nur ein BZ-Tage­buch über einen Zeit­raum von einem Monat (Februar/März 2018) aus­ge­wer­tet wor­den. Gra­vie­ren­de Ein­schnit­te in der Teil­ha­be lie­ßen sich dar­aus nicht ableiten.

Nächt­li­che Unter­zu­cke­run­gen, die mit einer Kalo­rien­ga­be ver­bun­den waren, sei­en im doku­men­tier­ten Zeit­raum drei­mal auf­ge­tre­ten. Es lie­ge auch zum Zeit­punkt der Beru­fungs­be­grün­dung kei­ne Blut­zu­cker­do­ku­men­ta­ti­on über einen ange­mes­se­nen Zeit­raum von zwei bis drei Mona­ten vor. Soweit das Urteil außer­dem auf einer gra­vie­ren­den Teil­ha­ben­be­ein­träch­ti­gung durch das von der Klä­ge­rin ver­wand­te Mess­sys­tem grün­de, sei dies nicht nach­voll­zieh­bar. Zu Unrecht berück­sich­ti­ge das SG in sei­nem Urteil bei der Beur­tei­lung des GdB auch, dass die zum Unter­su­chungs­zeit­punkt fünf­jäh­ri­ge Klä­ge­rin nicht adäquat auf auf­tre­ten­de Hypo­gly­kämien reagie­ren kön­ne. Dies sei jedoch dem Alter geschul­det und spie­le ledig­lich bei der Fra­ge des Vor­lie­gens von Hilf­lo­sig­keit eine Rol­le, aber nicht bei der Bemes­sung des GdB.

Der Beklag­te bean­tragt schriftsätzlich,

das Urteil des Sozi­al­ge­richts Aachen vom 26.02.2019 aufzuheben.

Die Klä­ge­rin bean­tragt schriftsätzlich,

die Beru­fung zurückzuweisen.

Sie hält die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung für zutreffend.

Auf Anfor­de­rung des Senats hat die Klä­ge­rin noch das Blut­zu­cker­ta­ge­buch für die Zeit vom 01.02.2020 bis zum 22.09.2020 vor­ge­legt. Danach bestand in den Mona­ten April und Mai 2020 in jeweils sechs und im Monat August 2020 in 13 Näch­ten die Not­wen­dig­keit zur Gabe von Koh­len­hy­dra­ten nach ent­spre­chen­der Blut­zu­cker­mes­sung (für die Mona­te Juni und Juli lagen offen­bar auf Grund eines Gerä­te­feh­lers kei­ne durch­ge­hen­den Mess­wer­te vor).

Der Beklag­te hat dazu unter Vor­la­ge von ver­sor­gungs­ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men vom 18.01.2021 und 24.02.2021 u. a. noch vor­ge­tra­gen, dass in der nun­mehr vor­ge­leg­ten Doku­men­ta­ti­on sich häu­fen­de Ereig­nis­se doku­men­tiert sei­en, durch die aktu­ell ab April 2020 tat­säch­lich eine zusätz­li­che bewert­ba­re Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung nach­ge­wie­sen sein könn­te. Da ein sol­cher Zustand bis­her nicht nach­ge­wie­sen gewe­sen sei, kön­ne er nicht als Ent­schei­dungs­grund­la­ge für einen GdB von 50 ab Antrags­zeit­punkt dienen.

Die Betei­lig­ten sind mit Schrei­ben vom 03.02.2021, dem Beklag­ten zuge­stellt am 12.02.2021, zu einer vom Senat beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung nach § 153 Abs. 4 Sozi­al­ge­richts­ge­setz (SGG) ange­hört worden.

Wegen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den Inhalt der Gerichts­ak­te sowie der Ver­wal­tungs­vor­gän­ge des Beklag­ten Bezug genom­men, der Gegen­stand der Ent­schei­dungs­fin­dung war.

II.

Der Senat konn­te nach § 153 Abs. 4 SGG durch Beschluss ent­schei­den, da er die Streit­sa­che ein­stim­mig für unbe­grün­det und eine münd­li­che Ver­hand­lung nicht für erfor­der­lich hält. Die Betei­lig­ten sind hier­zu gehört worden.

Die zuläs­si­ge Beru­fung des Beklag­ten ist nicht begrün­det: Das Sozi­al­ge­richt hat die Beklag­te unter Abän­de­rung des Beschei­des vom […].2017 in Gestalt des Wider­spruchs­be­schei­des vom […].2017 zu Recht ver­ur­teilt, den GdB der Klä­ge­rin ab dem […].2016 mit einem GdB von 50 zu bewer­ten und das Vor­lie­gen der gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Merk­zei­chen H festzustellen.

Zur Begrün­dung nimmt der Senat zunächst Bezug auf die Ent­schei­dungs­grün­de des ange­foch­te­nen Urteils, die er sich inso­weit nach eige­ner Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge im Wesent­li­chen zu Eigen macht (§ 153 Abs. 2 SGG).

Ein ande­res Ergeb­nis ergibt sich auch nicht aus dem Vor­brin­gen des Beklag­ten im Beru­fungs­ver­fah­ren. Hier­in wie­der­holt die­ser im Wesent­li­chen sein bis­he­ri­ges Vor­brin­gen und macht außer­dem u. a. noch gel­tend, dass aus sei­ner Sicht kei­ne aus­rei­chend doku­men­tier­te Grund­la­ge für einen GdB von 50 gege­ben sei. Vom Gut­ach­ter sei nur ein BZ-Tage­buch über einen Zeit­raum von einem Monat aus­ge­wer­tet wor­den. Gra­vie­ren­de Ein­schnit­te in der Teil­ha­be lie­ßen sich dar­aus nicht ablei­ten. Nächt­li­che Unter­zu­cke­run­gen, die mit einer Kalo­rien­ga­be ver­bun­den waren, sei­en im doku­men­tier­ten Zeit­raum nur drei­mal auf­ge­tre­ten. Es lie­ge auch bis zum Zeit­punkt der Beru­fungs­be­grün­dung kei­ne Blut­zu­cker­do­ku­men­ta­ti­on über einen ange­mes­se­nen Zeit­raum von zwei bis drei Mona­ten vor.

Hier­aus folgt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung, auch wenn dem Beklag­ten inso­weit zuzu­stim­men ist, dass der vom Gut­ach­ter aus­ge­wer­te­te Zeit­raum sehr knapp bemes­sen gewe­sen ist. Indes erge­ben sich aus den im Beru­fungs­ver­fah­ren bei­gezo­ge­nen Unter­la­gen und ins­be­son­de­re dem Blut­zu­cker­ta­ge­buch für die Zeit von Febru­ar bis Sep­tem­ber 2020 stär­ke­re Unter­zu­cke­run­gen, die eine Koh­len­hy­drat­zu­fuhr mit Fremd­hil­fe in der Nacht nach sich gezo­gen haben, für einen erheb­lich län­ge­ren Zeit­raum und in einem deut­lich grö­ße­ren Umfang, als aus den bis­lang berück­sich­tig­ten Unter­la­gen, die, wie dar­ge­legt, aller­dings auch nur einen Zeit­raum von einem Monat (Anfang Febru­ar bis Anfang März 2018) umfasst haben. So bestand etwa im Monat August 2020 in drei­zehn, im April und Mai 2020 in jeweils sechs Näch­ten die Not­wen­dig­keit zur Gabe von Koh­len­hy­dra­ten nach ent­spre­chen­der Blut­zu­cker­mes­sung (für die Mona­te Juni und Juli lagen offen­bar auf Grund eines Gerä­te­feh­lers kei­ne durch­ge­hen­den Mess­wer­te vor). Zur Über­zeu­gung des Senat stel­len die­se häu­fi­gen Stö­run­gen der Nacht­ru­he für die mitt­ler­wei­le neun­jäh­ri­ge schul­pflich­ti­ge Klä­ge­rin erheb­li­che Ein­schnit­te dar, die eine gra­vie­ren­de Beein­träch­ti­gung in der Lebens­füh­rung bedin­gen, indem sie u. a. zu Müdig­keit und Unkon­zen­triert­heit auch in der Schu­le füh­ren, wie dies auch aus den vor­ge­leg­ten Unter­la­gen der Eltern der Klä­ge­rin her­vor­geht. Aus­weis­lich der von der Beklag­ten im Beru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­leg­ten ver­sor­gungs­ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men wird dies offen­bar auch von die­ser im Ergeb­nis nicht grund­le­gend anders bewer­tet. So wird in den ver­sor­gungs­ärzt­li­chen Stel­lung­nah­men vom 18.01.2021 und 24.02.2021 u. a. aus­ge­führt, dass aus­weis­lich der nun­mehr vor­lie­gen­den Doku­men­ta­ti­on von 02/202009/2020 tat­säch­lich eine zusätz­lich bewert­ba­re Teil­ha­be­be­ein­träch­ti­gung nach­ge­wie­sen sein könn­te. Der Senat geht mit dem SG auch davon aus, dass der GdB bereits ab Dia­gno­se­da­tum fest­zu­stel­len ist. In die­sem Zusam­men­hang sieht er sich zu dem Hin­weis ver­an­lasst, dass bei einer zukünf­ti­gen Über­prü­fung als Maß­stab für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob eine Ver­bes­se­rung ange­nom­men wer­den kann, der nun­mehr im Beru­fungs­ver­fah­ren nach­ge­wie­se­ne Zustand, mit häu­fi­gen nächt­li­chen Unter­zu­cke­run­gen mit der Not­wen­dig­keit zur Koh­len­hy­d­rat­ga­be und den dar­aus fol­gen­den nach­tei­li­gen Aus­wir­kun­gen auf den Tages­ab­lauf, bereits bezo­gen auf den Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Fest­stel­lung (24.02.2016) zu Grun­de zu legen sein wird.

Die Kos­ten­ent­schei­dung beruht auf § 193 SGG.

Grün­de für eine Zulas­sung der Revi­si­on (§ 160 Abs. 2 SGG) lie­gen nicht vor.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

[…]

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